Mitten in der Pampe

24.11.2019

Mein neues Projekt: Vimukthi.

Gefühlt komplett am Arsch der Welt, dafür jedoch in der schönsten Natur mit hunderttausend Mango-, Kokosnuss-, Zitronen- und Guavenbäumen, Buffalos, Schafen, Hunden, Hühnern und einer Menge anderer Tiere und Insekten. Ja, Moskitospray ist da mein Überlebenselixier, denn sowohl nachts als auch tagsüber treiben diese bösen Tierchen ihr Unwesen.

unsere Hündin hat drei Puppies bekommen
unsere Hündin hat drei Puppies bekommen

Zugegeben, es hat zwar etwas gedauert bis ich mich in der neuen Situation einleben konnte, aber seit das geschafft ist, fühle ich mich unglaublich wohl!

Nachdem ich mir in der ersten Woche in Vijayawada alle Projekte angesehen habe, war relativ schnell klar, dass ich in das De-Addiction Centre "Vimukthi", welches außerhalb der Stadt liegt, kommen soll. Zu Beginn war ich nicht wirklich davon begeistert, wollte lieber in der Stadt bleiben, mir jederzeit mein eigenes Essen kochen können und die neugewonnene Freiheit und die Distanz zu den Arbeitsstellen genießen... falls sich jemand jetzt fragt wie ich das genau meine mit der Distanz, da ich ja schließlich hier bin, um viel Zeit mit den Kids zu verbringen. In den letzten Monaten hat sich für mich einfach herausgestellt, dass ich tagsüber meine fixen Pausen brauche und etwas Abstand zu den Kindern, um dann wieder voller Motivation weitermachen zu können. Bislang war ich immer in Projekten, in denen ich dann auch gewohnt habe und sozusagen 24/7 mit den Kindern und Jugendlichen unter einem Dach gelebt habe. Auch wenn wir Volontäre immer räumlich getrennte Zimmer zu den Kindern hatten, tat ich mir verdammt schwer abzuschalten und in meiner Freizeit kein Gewissensbisse zu bekommen - hätte ja schließlich auch in meinen Pausen bei den Kids sein können... zumindest waren das immer die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Volontäre, die in der Stadt in Vijayawada arbeiten, fahren am Vormittag und am Nachmittag in ihre Einsatzstellen und nach ihrer Zeit dort wieder zurück in die Flat. Ganz nach dem Motto "aus dem Auge, aus dem Sinn" wäre ich für die Kinder nicht mehr sichtbar und erreichbar gewesen und hätte ohne schlechtem Gewissen meine Pausen nützen können...

Nach diesem kleine Exkurs in meine Gedankenwelt starte ich am besten einmal in die ersten Wochen in meinem neuen Projekt: Gemeinsam mit meine Mitvolontärin, Anna, haben wir uns die ersten Wochen im Projekt unverbindlich angesehen. Recht wohl haben wir uns hier jedoch nicht gefühlt. Das lag auch zum Großteil daran, dass momentan leider nur sieben Kinder hier sind, wodurch ich zu Beginn zusätzlich noch etwas mehr von diesem Projekt abgeneigt war. Die ersten Wochen vergingen eigentlich recht schnell, doch so wirkliche Motivation kam nicht auf. Immer wieder der Gedanke "Soll´s das jetzt gewesen sein? Hab von Hyderabad nach Vijayawada gewechselt, um noch mal alles aus meiner letzten Zeit in Indien herauszuholen und dann habe ich nur so wenige Boys? Wird mir das auf Dauer nicht zu langweilig? Schaffe ich es überhaupt noch eine tiefe Bindung mit diesen Jungs aufzubauen?"...

Am 24.10. stand dann meiner zweiter Urlaub mit meiner Mum auf dem Plan. Gott sei Dank! Den hatte ich gefühlsmäßig echt nötig, um wieder neue Energie tanken zu können. Als ich dann nach zwei Wochen wieder ins Vimukthi zurückkam, war schlagartig alles anders: All meiner Zweifel, negativen Gefühle und Unstimmigkeiten waren fast wie weggeblasen! Vermutlich hatte ich diese Pause nach neun Monaten einfach richtig gebraucht. So bin ich jetzt mit einer völlig neuen Motivation zurück und bereit, meine letzten Wochen in Indien zu genießen und alles rauszuholen, was mein Köpfchen und noch hergibt!

Crafting mit Muscheln aus dem Urlaub
Crafting mit Muscheln aus dem Urlaub
aussergewöhnlich aussehende Tiere gibt es viele in Indien
aussergewöhnlich aussehende Tiere gibt es viele in Indien

Wie ich hier mein Zeit verbringe:

Offiziell fängt mein Tag mit den Jungs um acht Uhr an. Meist bin ich jedoch schon um sieben wach, um noch Kleinigkeiten für den Unterricht vorzubereiten, Musik zu hören, zu meditieren oder einfach noch etwas im Bett zu chillen. Um 08:30 gibt es dann den gemeinsamen Morning Prayer und anschließend leckeres indisches Frühstück, was ganz nebenbei gesagt auch meine Lieblingsmahlzeit hier ist in Indien! Dann geht es auch schon weiter mit dem Morning Assembly, wo die indische Nationalhymne gesungen wird, ein Good Talk gehalten wird und die Announcements für den jeweiligen Tag vorgetragen werden. Darauf folgen zwei von mir gehaltene Classes. Jeden Tag beginne ich mit einer Stunde Englisch und mache dann eine Stunde meiner Wahl. Diese zweite Stunde war ursprünglich Mathematik gewidmet. Die Motivation meiner Jungs war da aber relativ schnell dahin und da sie die Basics wie Plus- und Minusrechnung mittlerweile beherrschen, habe ich mich dazu entschieden viele verschiedene Themen anzuschneiden. So habe ich gerade die letzten Wochen die menschlichen Organe und den Aufbau von Pflanzen durchgenommen. Ganz ehrlich gesagt ist die zweite Stunde immer eine kleine Herausforderung für uns. Die meisten Jungs sprechen eigentlich kein Wort Englisch und so muss ich mit Händen, Füßen, Mimik, Gestik und einem Englisch-Telugu-Mischmasch arbeiten.

Das klingt dann in etwa so: "Nuvvu chudu ikkada! Ikkada roots water theesko. Tharvatha water baiki and ivvu for leaves and flowers."

Zu deutsch: "Schau hier her! Hier nehmen die Wurzeln das Wasser auf. Dann bringen sie das Wasser nach oben und geben es den Blättern und Blüten."

Ein Junge, der in Englisch etwas besser ist, hilft mir zusätzlich sehr oft alles verständlich zu erklären und die passenden Telugu Wörter zu finden... ohne ihn wäre ich oftmals hart aufgeschmissen. Richtig stolz bin ich am Ende dann immer, wenn die Jungs nach dem Unterricht das meiste verstanden haben und zu den Brothers laufen, um ihnen alles zu erzählen  :)

Nach meinem Unterricht habe ich dann eine Stunde frei, während die Jungs Telugu Class mit einem Brother haben. Um 13:00 gibt es Mittagessen und eine Stunde später geht es mit Crafting weiter. Manchmal malen wir einfach nur Bilder aus, manchmal basteln wir etwas ausgefalleneres wie Traumfänger oder Muschelketten und manchmal vertreiben wir uns die Zeit mit anderen Aktivitäten wie Pancakes braten.

Pancakes machen...
Pancakes machen...
...und verspeisen
...und verspeisen

Anschließend stehen zwei Stunden outdoor Games am Programm. Badminton, Volleyball, Schweinchen in der Mitte, Frizbee, Hide and Seek,... auch hier haben wir die volle Freiheit das zu machen, was uns und den Jungs gefällt. Schweißgebadet haben wir anschließend Zeit, um uns frisch zu machen und finden uns dann wieder gemeinsam in der TV Hall ein. Es wird gemalt, gebastelt, gespielt oder der Stoff vom Unterricht nochmals durchgegangen.

Um 20:00 gibt es dann Abendessen und danach spielen wir meistens noch ein paar Kartenspiele oder schauen TV. Gegen neun husch ich eigentlich immer ins Zimmer, bin müde und erledige dann noch ein paar persönliche Dinge: Schreibe in mein Tagebuch, telefoniere oder melde mich bei Freunden, höre Musik, schreibe einen Blogeintrag oder geh einfach direkt schlafen weil ich so K.O. bin.

So sieht grundsätzlich mein Tagesablauf aus. Recht viel Freizeit habe ich momentan nicht, was mich aber auch nicht immer stört. Ich arbeite immer unter der Woche und fahre am Freitag nach dem Mittagessen in die Stadt zurück, um am Samstag meinen freien Tag zu genießen. Sonntag nach der gemeinsamen Messe im Don Bosco Haus und anschließendem Frühstück, mache ich mich dann wieder auf den Weg ins Vimukthi.

Was ich ja zu Beginn nur am Rande angeschnitten habe, ist der Weg den ich zurücklegen muss, um in mein Projekt zu kommen. Also, zuerst fahre ich mit einer Autorickshwa 10 min. zum Busbahnhof, von dort aus 1 ½ Stunden nach Nuzvidu, dann nehme ich mir ein Shareauto und fahre weitere 10 min. in die Pampe und dann gehe ich rund 15 min. zu Fuß auf einem Schotterweg in die Natur hinaus - dann bin ich auch schon da haha. Zurück natürlich der gleiche Weg :)

vor dem Gebäude
vor dem Gebäude
Games und Dining Hall
Games und Dining Hall
TV Hall/ Class Room
TV Hall/ Class Room
Blick raus zum Play Ground
Blick raus zum Play Ground

Um nochmals auf meine negativen Gedankengänge vom Anfang zurückzukommen: mittlerweile bin ich unglaublich froh weiterhin hier zu sein! Ich habe es einfach zu schätzen gelernt wie viele tolle und ausgefallene Dinge man eigentlich mit weniger Kindern machen kann: Pancakes braten, Traumfänger basteln, T-Shirts färben,... auch im Unterricht kann ich viel besser auf weniger Kinder eingehen und viel mehr mit Spiele- und Bastelaktivitäten arbeiten - es macht mir einfach so viel Spaß hier! Ich freu mich auf die letzte Zeit in meinem Einsatz!

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