Lebst du noch Linda?
Linda, wo hast du bitte die ganze Zeit gesteckt? Im Projekt "Don Bosco Navajeevan Rehabilitation Centre" in Ramanthapur.


Hier habe ich die letzten vier Monate verbracht. Nach dem Summer Camp habe ich am 06.05. vom Projekt in Hayath Nagar ins Projekt nach Ramanthapur gewechselt.
Erst vor einigen Tagen ist mir dann aufgefallen, dass ich mich echt schon ewig nicht mehr auf diesem Blog gemeldet haben. So richtig bewusste wurde mir dass, als wir letzte Woche die Halbzeit unseres Einsatzes erreicht haben.
Ich denke, nach so einer langen Zeit sollte ich nun endlich einmal erklären, wo ich genau bin, was ich hier so mache, wie ich mich eingelebt habe und wie es mir hier gefällt.
Hier angekommen, erwartete uns sofort ein großes Projekt: das Ausmalen der Schlafzimmer. Insgesamt haben wir vier Schlafräume auf Vordermann gebracht - manche Wände mussten wir fast schon grundsanieren, da sie Löcher hatten, die so groß und tief wie Fußbälle waren. Jeder Raum wurde in unterschiedlichen Farbtönen gestrichen. Nun gibt es den blauen, den grünen, den rot-pinken und den orange-roten Raum. Das Ausbessern und Ausmalen zog sich über einen Monat lang und zum Schluss
machte es uns echt zu schaffen, unsere anfängliche Motivation erneut hervorzurufen und alles abzuschließen. So im Nachhinein sind wir aber mächtig stolz auf uns und die Leistung die wir erbracht haben, da ja eigentlich keiner von uns wirkliches Vorwissen in diesem Bereich hatte. Auch bei den Jungs kam das Projekt mega gut an und sie fühlen sich in ihren neuen Zimmer sichtlich wohl.






Doch nun ein paar generelle Zeilen zu meiner Einrichtung. Das Projekt hier ist ganz anders als mein vorheriges Projekt. Das liegt nicht nur daran, dass ich nun mit Jungs zusammenarbeite, sondern auch daran, dass mein Timetable viel strikter ist als zuvor. Mein Tag beginnt offiziell um 8:00 Uhr. Meist bin ich jedoch schon um 6:00 Uhr wach, da ich durch das Läuten der Glocke für die Jungs aufgeweckt werde. Die Zeit bis zum Frühstück verbringe ich indem ich in mein Tagebuch schreibe, meditiere, lese, Musik höre oder den Unterricht vorbereite. Momentan fokussiere ich mich aber eher auf den letzteren Punkt, da die Classes echt jeden Tag aufs Neue eine kleine bis auch große Herausforderung sind. Nach dem Frühstück gehen wir mit den rund 30 Tradeboys zum Morning Assembley, wo gebetet wird, die Nationalhymne gesungen (naja bei unseren Burschen wohl eher monoton runtergesagt) wird, die News des Tages vorgetragen werden und ein paar Worte für den Tag gesprochen werden. Währenddessen machen sich etwa 40 School Boys auf den Weg zu ihrer Schule. Sie werden erst am Nachmittag gegen 16:30 Uhr wieder zurückkommen. Nach dem Assembley haben wir noch etwas Zeit, um uns um die Projektziegen zu kümmern, etwas für den Unterricht zu drucken oder einfach noch ein bisschen zu quatschen. Um 9:30 Uhr beginnen dann die Classes. Sophie betreut die Bridge School Boys, also jene, die erst im kommenden Jahr in der Schule aufgenommen werden. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Erlernen von Schreiben und Lesen in Englisch. Währenddessen unterrichte ich die Tradeboys. Dies sind jene Burschen, die eigentlich schon eine Berufsausbildung machen, ihren Abschluss in der 10. Klasse jedoch noch nicht absolviert haben und nachholen möchten. Manchmal dauert mein Unterricht am Morgen 40 Minuten und manchmal 90 Minuten. Da ich eine von drei Lehrkräften bin, ist immer jemand anderes an der Reihe. Wer genau wann und wie lange unterrichtet ist sehr unterschiedlich. Spontanität und Flexibilität sind wohl die wichtigsten Eigenschaften, die ich mir hier schon angeeignet habe. ;)




Anschließend gibt es eine kleine Pause und dann beginnt für Sophie und mich auch schon der freiwillige Nähunterricht, der bis zum Mittagessen dauert. In 1 ½ Stunden lernten wir bereits kleine Kleidungsstücke mit der Hand zu nähen und mittlerweile arbeite ich auch schon an meinem zweiten eigenen Kleid. Schon vor meinem Einsatz habe ich mich sehr darauf gefreut und bin mega glücklich, dass ich diese Möglichkeit habe. Ich meine wie cool ist das bitte? Ich nähe mir meine eigenen Kleider!!
Nach dem Mittagessen gibt es noch etwas Zeit, um mit den Jungs zu spielen, zu quatschen oder einfach nur herumzublödlen. Dann heißt es für die Tradeboys auch wieder zurück in die Lehrstätten. Das Projekt ist nämlich so aufgebaut, dass alle Jungs, die ihre Schulausbildung abgebrochen haben, hier einen Beruf erlernen können. Dafür gibt es die verschiedenen Lehrstätten (= Sections). Momentan können die Berufe Bäcker, Schneider, Schweißer, Tischler, Elektriker und Informatiker erlernt werden. Nach ihrer Ausbildung wird dann versucht, die Jungs draußen zu vermitteln.
Für uns heißt es nun Freizeit bis etwa 16:30. Wir bereiten meistens den Abendunterricht vor oder widmen uns persönlichen Angelegenheiten. Da wir relativ viel freie Zeit haben hier im Projekt, unser Vorvolontär glücklicherweise seine Gitarre nicht mehr mit nach Hause nehmen konnte und ich echt sehr gerne singe, habe ich vor einigen Wochen begonnen, mir das Gitarrespiele beizubringen.
Nach unserer Pause beginnt dann auch schon die Games Time. Gespielt wird Volleyball, Fußball, Basketball oder Cricket. Gleich zu Beginn habe ich mich dazu entschieden, an Basketball teilzunehmen, wechsle mich aber hin und wieder mit Volleyball ab. Eigentlich bin ich nämlich in keinem einzigen dieser Sportarten wirklich gut haha. Es hat mich auch echt einige Zeit und viele Nerven gekostet, bis ich endlich Fortschritte beim Spielen gesehen habe. Stolz möchte ich an dieser Stelle verkünden, dass ich mittlerweile nicht mehr als Letzte bei der Teambildung gewählt werde ;) Die Jungs haben aber auch echt sehr viel Geduld mit mir und zeigen mir immer wie ich mich verbessern kann.


Anschließend schmeißen wir uns alle unter die Dusche und um 18:45 beginnen dann die Evening Classes, welche bis zum Abendessen um 20:00 gehen. Zuvor habe ich ja schon kurz angeschnitten, dass der Unterricht echt der herausforderndste und intensivste Teil des Tages ist. Dies liegt zum Großteil einfach daran, dass ich 25 sehr, sehr aktive und unterschiedliche Jungs in meiner Klasse sitzen habe. Ich habe bereits im Mädchenprojekt davon berichtet, dass es schwierig ist bei großen Niveauunterschieden zu unterrichten. Damals wusste ich jedoch noch nicht, dass das dort eigentlich ein Kinderspiel war im Vergleich zur momentanen Situation. Anfangs hatte ich noch meinen Mitvolontär Simon, der während des Unterrichts für Ruhe und Aufmerksamkeit gesorgt habe, während ich an der Tafel stand. Er hat uns aber, als letzter von unseren drei Vorvolontären, bereits vor einem Monat verlassen. Nun versuche ich die Klasse alleine zu schmeißen, was mir manchmal mehr und manchmal weniger gelingt. Ich habe also meine Jungs in drei Gruppen eingeteilt: die Anfänger, die Durchschnittlichen und die Fortgeschrittenen. Für die erste und die dritte Gruppe bereite ich für morgens und abends immer Übungszetteln vor, die relativ selbsterklärend sein sollen. Sie sollen diese so gut es geht alleine machen. Die Durchschnittlichen unterrichte ich währenddessen an der Tafel. Meist laufe ich also von einem Tisch zum anderen und wieder zurück zur Tafel. Während ich den einen eine Schreib- oder Denkaufgabe geben, kümmere ich mich dann kurz um die Burschen mit den Übungszetteln... jaaaaa ein Unterricht wie dieser ist sehr anstrengend und fordert eine gute Vorbereitung. Umso glücklicher bin ich dann immer, wenn eine Stunde gut verlaufen ist und die Jungs mitgemacht haben.
Um acht Uhr gibt es dann Abendessen und anschließend ist erneut Freizeit, wo wir mit den Burschen essen, quatschen oder draußen im Dunklen spielen können. Danach gibt es noch den gemeinsamen Night Prayer und dann heißt es für uns ab in die Zimmer. Nun haben wir Freizeit.
Generell haben wir Volontäre hier mehr Freiraum und Freizeit. Jeder von uns hat sein eigenes Zimmer, in dass er sich zurückziehen kann. Zusätzlich haben wir eine große Dachterrasse, auf der wir abends oft zusammensitzen, Karten spielen, musizieren oder quatschen. Punkto Freizeit haben sich meine Wünsche in diesem Projekt im Vergleich zum Anfang etwas geändert: direkt nach dem Wechsel vom Mädchenprojekt hierher, war ich äußerst froh mehr Zeit für mich und meine persönlichen Angelegenheiten zu haben. Damals kam ich aber auch von einer sehr stressigen und intensiven Zeit. Mittlerweile bin ich schon einige Zeit in dieser Einrichtung und wünsche mir echt wieder mehr Zeit mit den Kindern. Momentan haben wir leider nur drei Stunden, in denen wir aktiv etwas mit den Burschen machen können. Somit versuchen wir jegliche Möglichkeit zu nützen, um mehr Zeit mit ihnen zu erbringen... leider führt das zu den einen oder anderen Diskussionen mit den leitenden Fathers hier im Projekt, da der Timetable sehr exakt eingehalten werden muss.
Allgemein finde ich die Einrichtung hier sehr schön. Das Grundstück und das Gebäude bieten genügend Platz für alle Bedürfnisse und der Sportplatz ist echt ein Traum! In Hayath Nagar lebten die Mädchen auf sehr engem Raum zusammen, was wiederum zu sehr vielen Streitereien geführt hat. In Ramanthapur können sich die Jungs mehr Freiraum nehmen und sich auch mal aus dem Weg gehen. Die Atmosphäre unter den Jugendlichen ist für mein Empfinden sehr entspannt. Sie verstehen sich echt gut untereinander und wenn man sie fragt, so behaupten sie, dass sie alle miteinander sehr gut befreundet sind.





Auch wir verstehen uns mit den Burschen wunderbar. Sie sind so offen und da sie schon etwas älter sind (zwischen 12 und 20 Jahre) habe ich mit den meisten echt eine witzige, freundschaftliche Beziehung. Meist arbeite ich ja mit den ältesten zusammen - also von 15 aufwärts. Mit ihnen kann man wirklich schon über echt coole und interessant Themen sprechen. Sie erklären mir immer wieder verschiedenste Traditionen und Strukturen in Indien, helfen mir Telugu zu erlernen und berichten mir von ihren eigenen Zielen, Wünschen und ihrer Vergangenheit. Wenn ich so schreibe, dann merke ich, wie sehr ich sie schon in mein Herz geschlossen habe. Für manche bin ich die große Schwester, für andere wie die Mutter und manche sagen mir, dass ich ihre beste Freundin bin. Echt unglaublich welch eine intensive Bindung man mit den Jugendlichen hier aufbaut... jeder Tag, jeder Augenblick und jede Konversation hier prägt mich für mein Leben lang! Ich bin unglaublich glücklich in Indien, auch wenn nicht immer alles wie am Schnürchen läuft.